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100 JAHRE WALTERSCHEID – EINE MARKE, DIE VERBINDET

Ein neues Werk in Südtirol: In Welsberg eröffnet Walterscheid 2019 eine moderne Produktion von Doppelgelenkwellen.
Anerkennung durch einen Stammkunden: John Deere kürt Walterscheid 2005 zum „Lieferanten des Jahres“.
Das Getriebewerk im sächsischen Sohland entwickelt sich zu einem wichtigen Bestandteil der Walterscheid-Produktion.
Sorgfalt und moderne Technik sichern den hohen Standard in der Produktion.
Gemeinsam lernen: Walterscheid bildet seit den Anfängen junge Menschen in verschiedenen Berufen aus, die Ausbildungsplätze sind begehrt.
Mehr Raum für Walterscheid: Bei der Agritechnica 2017 präsentiert Walterscheid gut sichtbar seine Produkte.

HERAUSFORDERUNGEN IM NEUEN JAHRHUNDERT

2003–2019

Aufgaben und Strategien

Peter Röttgen tritt 2003 die Nachfolge in der Geschäftsführung an. Mit einer stabilen Basis an Produkten und Innovationen wie dem hydrostatischen Antrieb ICVD wahrt Walterscheid seine gute Position. Weltweit boomt die Landtechnik, sodass insbesondere die internationalen Geschäfte laufen. Auch den Einbruch während der Finanzkrise 2009 verkraftet das Unternehmen. Als Teil der GKN Off-Highway-Powertrain gewinnt Walterscheid ab 2017 weiter an Stärke. Durch den Verkauf an den finanzstarken Investor OEP ergeben sich für Walterscheid neue Perspektiven.

Peter Röttgen übernimmt 2003 die Geschäftsführung – nach vielen Jahren als Vertriebschef bei Walterscheid.

Peter Röttgen übernimmt 2003 die Geschäftsführung – nach vielen Jahren als Vertriebschef bei Walterscheid

Nach 25 Jahren an der Spitze von Walterscheid übergibt Manfred Arntz die Geschäftsführung am 1. Mai 2003 an seinen langjährigen Stellvertreter Peter Röttgen. Im Jahr darauf verstirbt Arntz nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von nur 58 Jahren. Der neue Geschäftsführer Röttgen ist bereits über ein Vierteljahrhundert bei Walterscheid tätig. In den letzten 13 Jahren hat er an Arntz’ Seite den Weg zum Global Player vorangetrieben. Er kennt die Stärken in Qualität, Service und Innovationskraft und will daran anknüpfen. „Walterscheid wartet nicht, bis der Markt ein besseres Produkt verlangt, sondern setzt neue technische Standards“, betont Röttgen.

Auf der Agritechnica 2003 beweist Walterscheid diese Fähigkeit und präsentiert den stufenlosen hydrostatischen Antrieb ICVD (Integrated Continuously Variable Drive). ICVD besteht aus einer Getriebestufe, einem Hydraulikmotor und Steuerelementen. Die Idee, Getriebe mit Hydrostaten zu verbinden, wurde 1999 gemeinsam mit einem Entwicklungspartner geboren und hat nun die Marktreife erreicht. Selbstfahrende Land- und Baumaschinen arbeiten mit ICVD-Geräten stärker, schneller und komfortabler, betonen die Walterscheid-Konstrukteure. Claas zum Beispiel setzt ICVD in seinem Teleskoplader Scorpion ein.

Bewährte Produkte und Innovationen sind ein stabiles Fundament, doch auf den neuen Geschäftsführer Röttgen warten große Herausforderungen: Die Landtechnik hängt wie eh und je in hohem Maße von der Entwicklung der Landwirtschaft ab. Walterscheid liefert insbesondere für Maschinen der Grünfutterkette und der Milchwirtschaft. Mähwerke, Schwader und Pressen für die Herstellung von Grünfutter benötigen leistungsfähige Gelenkwellen. Sinkt der Milchpreis, geht auch der Absatz direkt zurück. Seit den 2000er Jahren beginnt der Milchpreis stärker zu schwanken, was sich unmittelbar auf Walterscheids Geschäfte auswirkt. Die Viehwirtschaft gerät in eine schwere Krise, als zusätzlich Ende des Jahres 2000 erstmals ein BSE-Fall auch in Deutschland auftritt. Bereits im Jahr darauf wütet die Maul- und Klauenseuche in vielen Ställen, was zu drastischen Einbußen bei den betroffenen Landwirten führt. Hinzu kommen Wetterereignisse wie die Hitze des Sommers 2003, mit der die Landwirtschaft wie auch die Landmaschinenhersteller zu kämpfen haben. Zudem sind die Stahlpreise zu dieser Zeit hoch, die Kosten für Guss- und Schmiedeteile sowie Rohmaterialien steigen, die Herstellung der Walterscheid-Produkte verteuert sich.

In diesen Jahren beginnt sich deutlich abzuzeichnen, wie wechselhaft die Geschäfte angesichts von nicht zu beeinflussenden Faktoren wie den Preisschwankungen in der Landwirtschaft und der Wetterentwicklung in den kommenden Jahren sein werden. Als Folge des globalen Klimawandels häufen sich extreme Ereignisse wie Dürren und Starkregen. Landwirte stehen vor der Herausforderung, sich bei der Bodenbearbeitung auf solche Veränderungen einzustellen, und auch die Landtechnik wird Teil des Wandels sein.

Bei Walterscheid geht es zu Beginn der 2000er Jahre vor allem darum, die Stabilität des Unternehmens zu sichern. Walterscheid setzt weiter auf eigenverantwortliche Bereiche: Der Standort Sohland wird als GKN Walterscheid Getriebe GmbH selbstständig, der Bereich Service und Distribution (S&D) wird dritte Division in Lohmar neben TAS und DLS.

Vertriebsgesellschaften in Belgien, Dänemark und Norwegen erweitern das internationale Netz, zu dem auch die Produktions- und Logistikstandorte in Nordamerika, China und Brasilien zählen. „Wir stehen direkt vor Ort in engem Kontakt mit unseren lokalen Vertriebspartnern, den Erstausrüstern und den Anwendern.“ Peter Röttgen fasst die Vorteile dieser Aufstellung unter dem Slogan „think global, act local“ zusammen. Zur neuen Ausrichtung des Unternehmens gehört die Trennung von den Walterscheid-Rohrverschraubungen nach über 45 Jahren. GKN verkauft die Gesellschaft im Sommer 2004 an den US-amerikanischen Industriekonzern Eaton.

Für viele Walterscheider ist jedoch ein anderes Ereignis des Jahres 2004 prägend: Am 22. April gerät die Lackieranlage durch Funkenüberschlag in Flammen. Eine riesige Rauchsäule steigt über dem Werk auf, die Stadt Lohmar sperrt die Hauptstraße, der Flughafen Köln-Bonn leitet sogar den Flugverkehr um. Peter Röttgen erfährt auf einer Geschäftsreise vom Brand, muss jedoch im Flugzeug sein Handy abschalten. Über den Wolken fragt er sich bangend, wie schlimm der Schaden sein wird. Nach der Landung kommt die Entwarnung: Das Feuer ist gelöscht und niemand verletzt. Die Lackieranlage ist jedoch zerstört, sodass Walterscheid in den nächsten Monaten seine Gelenkwellen und Kupplungen in Hennef und Köln lackieren lässt. Erst 2006 nimmt die neue Lackieranlage in Lohmar ihren Betrieb auf.

Der hydrostatische Antrieb ICVD ist eine Entwicklung von Walterscheid; Konstruktionsleiter Wolfgang Adamek (stehend) und Egbert Dohm am ICVD-Modell.

Der hydrostatische Antrieb ICVD ist eine Entwicklung von Walterscheid; Konstruktionsleiter Wolfgang Adamek (stehend) und Egbert Dohm am ICVD-Modell.

Der hydrostatische Antrieb ICVD wird im eigenen Versuch getestet.

Die Übersicht der Gelenkwellentypen von 1953 bis 1978 zeigt eine beachtliche Weiterentwicklung bis zur Gelenkwelle 2000.

Boomende Landtechnik weltweit

„Unsere Auftragslage ist besser denn je“, verkündet Peter Röttgen 2005. Vor allem der Export, insbesondere nach Osteuropa, verbessert Walterscheids Ergebnisse. Der wirtschaftliche Aufschwung in den zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten schafft Absatzmärkte für Landtechnik. In Russland, Ostasien oder Südamerika gibt es ebenfalls technischen Nachholbedarf und großes Wachstumspotenzial. Auch die Märkte in Westeuropa und Nordamerika bieten gute Perspektiven: Die Intensivierung der Landwirtschaft verlangt nach mehr Technik, zum Beispiel um den Betrieb von Biogasanlagen mit nachwachsenden Rohstoffen zu sichern. Walterscheids Produktion in Lohmar läuft 2006 in der Hochsaison in den ersten Monaten des Jahres auf Hochtouren, zum Teil sieben Tage die Woche und rund um die Uhr.

Die Produkte finden hohe Anerkennung: 2005 küren Claas und John Deere die Off-Highway Division mit Walterscheid als Herzstück jeweils zum Lieferanten des Jahres. John Deere verleiht Walterscheid zudem Partnerstatus – eine Position, die nur wenige Top-Lieferanten des Konzerns genießen. Als Zulieferer für die in Zweibrücken hergestellten Mähdrescher und Feldhäcksler erreicht Walterscheid in allen Kriterien (Liefertreue, Qualität, Betreuung und technische Beratung) die maximale Punktzahl. Kleinere Kunden schätzen vor allem Walterscheids KWA (Kunde-Werkstatt-Auftrag)-System für kurzfristige Aufträge. Es garantiert, bis zu fünf Gelenkwellen in spätestens fünf Tagen zu liefern.

Kundennähe strebt Walterscheid zunehmend auch weltweit an. In Brasilien, wo die Agrarbranche ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes und fast die Hälfte des Exports erwirtschaftet, baut Walterscheid 2005 eine eigene Produktion auf. Die boomende Landwirtschaft des Landes bietet einen hervorragenden Absatzmarkt für Landtechnik. Auch die chinesische Landwirtschaft steht angesichts des Bevölkerungswachstums vor großen Herausforderungen. Walterscheid weitet hier seine Präsenz aus und mietet im September 2005 eine etwa 1.700 Quadratmeter große Werkshalle im Industriepark Xinzhuang im Jangtse-Delta vor den Toren Shanghais. Im Jahr darauf beginnt dort die Produktion von Gelenkwellen.

Das Getriebewerk im sächsischen Sohland entwickelt sich zu einem wichtigen Bestandteil der Walterscheid-Produktion.

Das Getriebewerk im sächsischen Sohland entwickelt sich zu einem wichtigen Bestandteil der Walterscheid-Produktion.

Anerkennung durch einen Stammkunden: John Deere kürt Walterscheid 2005 zum „Lieferanten des Jahres“.

Anerkennung durch einen Stammkunden: John Deere kürt Walterscheid 2005 zum „Lieferanten des Jahres“.

Mit der Anhängetechnik von Cramer wird Walterscheid zum Full-Liner für das Traktorheck.

Mit der Anhängetechnik von Cramer wird Walterscheid zum Full-Liner für das Traktorheck.

Gelbe Wellen, goldene Herzen

Schon seit den Tagen von Jean Walterscheid und Bernhard Walterscheid-Müller ist Walterscheid in der Region engagiert. Das Unternehmen unterstützt regelmäßig Lohmarer Vereine und Veranstaltungen. Die Teilnahme am Hearts of Gold-Programm stellt das soziale Engagement Walterscheids ab 2007 auf eine neue Stufe.

Bei Hearts of Gold leistet jeder einen Beitrag nach seinen Möglichkeiten. Die Spenden setzen sich zusammen aus Stundenspenden der Mitarbeiter, Barspenden des Managements und den Einnahmen aus wohltätigen Aktionen und Veranstaltungen. Besonders das jährliche Familienfest dient diesem Zweck und ist fester Bestandteil des Walterscheid-Jahres. Es verspricht nicht nur ein paar schöne Stunden für die (in der Regel rund 1.000) Teilnehmer, sondern durch die Einnahmen für Eintritt und Tombola auch Hilfe für Bedürftige. Es kommen dabei Spenden im hohen vierstelligen Bereich zusammen. Die Gesamtsumme pro Jahr bewegt sich zwischen 36.000 und über 75.000 Euro.

Wohin fließen diese Einnahmen? Im Spendenjahr 2018 verteilen sich 65.500 Euro Hearts of Gold-Spenden auf insgesamt 15 verschiedene Institutionen, unter ihnen Ärzte für Äthiopien Sankt Augustin, der Ambulante Hospizdienst Much und der Multiple-Sklerose-Verein, Lohmar. Auch die Kölner Klinikclowns, die Kinder- und Jugendstiftung Hennef oder die Aktion Lichtblicke des regionalen Radiosenders erhalten Spenden.

Insgesamt haben die Walterscheider mit Projektleiter Norbert Fielenbach in zwölf Jahren Hearts of Gold rund 620.000 Euro gespendet.

Hearts of Gold – eine Aktion der Walterscheider, um soziale Projekte in der Region zu unterstützen

Hearts of Gold – eine Aktion der Walterscheider, um soziale Projekte in der Region zu unterstützen

Rekorde und Krisen

Garanten für die Qualität: In der Konstruktion und am Prüfstand entwickelt Walterscheid Innovationen und testet sie.

Hohe Preise für landwirtschaftliche Produkte und eine steigende Nachfrage nach Landmaschinen und Traktoren im In- und Ausland treiben die Geschäfte an. Auf dem Höhepunkt des Booms erreicht Walterscheid 2008 einen Jahresumsatz von 137 Millionen Euro und investiert unter anderem in einen Schweißroboter für Unterlenker. Doch nach der Pleite der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 und der darauffolgenden Finanzkrise gerät die Weltwirtschaft in Turbulenzen, mit schweren Auswirkungen auch für die Landtechnik. Die Nachfrage nach Traktoren und Mähmaschinen sinkt in Europa 2009 um 30 Prozent, ähnlich ist es in Nord- und Südamerika, während die Krise auf dem asiatischen Markt weniger durchschlägt.

Mitten in dieser schwierigen Situation übernimmt der bisherige TAS-Chef Ralf Klein im Februar 2009 die Geschäftsführung, während Peter Röttgen in die Geschäftsführung der deutschen GKN Holding wechselt. Röttgen hält aber bis zu seinem Tod im Januar 2017 die Kontakte zur Landtechnikbranche und zu den Verbänden.

Bei Walterscheid kommt es im Frühjahr 2009 zu drastischen Einbrüchen, ab März werden Aufträge verschoben oder storniert, das Unternehmen sieht sich zu zusätzlichen Betriebsruhetagen im April und Kurzarbeit im Mai und Juni gezwungen, um das Personal halten zu können. Um die Krise zu bewältigen, sind Einsparungen nötig. Die Divisionen DLS und TAS werden verschmolzen, um Synergien zu schaffen. Das Werk in Essen wird geschlossen, die Produktion und die Mitarbeiter wechseln nach Lohmar. Auch die Logistik soll Kosten einsparen, Walterscheid senkt die Bestände an Rohstoffen und Halbfertigbeständen um ein Drittel. Es gelingt, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, die Beschäftigtenzahl sinkt nur leicht.

Umso wichtiger ist es, Innovationen zu bieten. Auf der Agritechnica 2009 präsentiert Walterscheid verbesserte Kreuzdichtungen und gehärtete Profilrohre, die das Wartungsintervall der Gelenkwelle erhöhen und den Wartungsaufwand reduzieren. Der Trend zu größeren Traktoren und Maschinen hält an, immer häufiger werden große Geräte auch kombiniert eingesetzt. Walterscheid entwickelt zum Beispiel einen Träger für Gerätekombinationen, die auf einer eigenen Achse fahren. Zwei Standardgeräte (z.B. Kreiselegge und Maisdrille), die bisher jeweils ein Traktor zog, arbeiten damit hintereinander in einem Rahmen mit zwei Schnittstellen.

Das neue Power-Carrier-System von TAS ermöglicht es erstmalig, Anbaugeräte mit größeren Arbeitsbreiten einfach und herstellerübergreifend miteinander zu kombinieren.

Bei vielen Herstellern und Maschinen platziert Walterscheid mit Erfolg seine Produkte. Das neue Claas-Maisschneidwerk mit 31 unterschiedlichen Antriebskomponenten etwa läuft komplett mit Antriebstechnik von Walterscheid. Pöttinger Landtechnik aus Österreich setzt bei zwei neuen Maschinen – dem Seitenschwader und dem Zetter – ebenfalls auf Walterscheids Gelenkwellen und Getriebe.

Anfang 2010 fasst GKN die Off-Highway Division inklusive Walterscheid und einige andere Konzern-Bereiche zu GKN Land Systems zusammen. Der Servicebereich wechselt konzernintern und zieht unter dem Namen Aftermarket & Services in das benachbarte Rösrath.

Sorgfalt und moderne Technik sichern den hohen Standard in der Produktion.

Sorgfalt und moderne Technik sichern den hohen Standard in der Produktion.

Neue Perspektiven

Messeauftritt als Teil von GKN Land Systems: Walterscheids Produkte werden neben anderen Produkten der Gruppe vorgestellt.

Im Krisenjahr 2009 befürchteten manche Walterscheider noch, es werde Jahre dauern, um an alte Erfolge anzuknüpfen. Doch steigende Preise für landwirtschaftliche Produkte und Reformen der europäischen Agrarpolitik erhöhen kurzfristig die Einnahmen der Landwirtschaft. Die Landtechnikbranche insgesamt erzielt bis 2011 einen Zuwachs von 25 Prozent, die Nachfrage zieht auch bei Walterscheid schnell an. Um die Aufträge zu bewältigen, wird bei Walterscheid nun immer wieder auch an Wochenenden und Feiertagen gearbeitet. 2011 kauft GKN den Maschinenbauer Stromag aus Unna, mit dem Walterscheid bereits seit 15 Jahren zusammenarbeitet. Diese Verstärkung komplettiert das Angebot für Landmaschinen. So bilden Gelenkwellen aus Lohmar, Getriebe aus Sohland und schaltbare Kupplungen aus Unna gemeinsam den Antriebsstrang des selbstfahrenden Feldhäckslers Katana von Fendt. 2012 erzielt Walterscheid mit einem Jahresumsatz von 145,4 Millionen Euro das beste Umsatzergebnis seiner hundertjährigen Geschichte. Die Krise scheint endgültig überwunden.

Im gleichen Jahr gründet GKN Land Systems in Lohmar die Land Systems Academy mit eigenen Schulungsräumen im dritten Stock des Hauptgebäudes. Mitarbeiter der Landtechnik sollen hier gemeinsam mit Kollegen der anderen Divisionen in internen Schulungen oder auch von externen Referenten lernen. Der Vertrieb soll sich nicht allein auf die Landtechnik konzentrieren, sondern auch andere GKN Land Systems-Produkte anbieten. „One Face to the Customer“ – also ein Gesicht für das gesamte Sortiment – ist die Idee. Doch kann dieser neue Ansatz für Walterscheid mit seiner guten Position bei den Landmaschinenherstellern funktionieren?

Ausgezeichnete Walterscheider

Seit die DLG ab 1997 Neuentwicklungen der Agrartechnik auszeichnet, ist Walterscheid immer wieder prämiert worden. Schon in den ersten Jahren erhält Walterscheid zwei Silbermedaillen für die Tele-Space-Gelenkwelle und die HTC-Kupplungstechnologie. Seither zeichnet die DLG regelmäßig Innovationen aus Lohmar aus. Auch im Ausland erhalten Walterscheid-Produkte Auszeichnungen, zum Beispiel den USA Award für die Weitwinkeltechnologie (1980) oder die Nockenschaltkupplung (1989).

Die renommierte Gedenkmünze der Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik, die als höchste Auszeichnung für Konstrukteure in der Landtechnik gilt, erhält 1962 erstmals ein Walterscheider: Kurt Schröter. Der „Nobelpreis der Landtechnik“ würdigt damit seine Verdienste „um die Entwicklung des Ackerwagens und des Triebachsanhängers sowie der Konstruktion von Anhängevorrichtungen, Gelenkwellen und Überlastkupplungen“. 1989 honoriert die Max-Eyth-Gesellschaft Clemens Nienhaus’ Beitrag zur Gestaltung von Bauelementen für das Zusammenwirken von Schlepper und Arbeitsgerät. Auch sein Engagement im VDI und besonders bei der Förderung des Ingenieur-Nachwuchses erwähnt die Urkunde. Acht Jahre später heißt der Preisträger Manfred Eidam – „in Würdigung seiner Verdienste um die Konstruktion leistungsfähiger Getriebe für die Landtechnik“. Als 2010 schließlich Andreas Roth die Max-Eyth-Gedenkmünze bekommt, wird in der Laudatio betont, dass Andreas Roth besonders innovative mechanische Antriebe in der Landtechnik entwickelt hat.

Walterscheids Ausbildung ist hervorragend. Niclas Harms (2. von rechts) und Viktor Sostmann (3. von rechts) sind 2018 die Top-Azubis der Stadt Lohmar. Mit ihnen freuen sich Geschäftsführer Justus Volhard (rechts) und Ausbilder Ralf Gehrke (1. von links) sowie Personalchef Norbert Fielenbach (2. von links).

Walterscheids Ausbildung ist hervorragend. Niclas Harms (2. von rechts) und Viktor Sostmann (3. von rechts) sind 2018 die Top-Azubis der Stadt Lohmar. Mit ihnen freuen sich Geschäftsführer Justus Volhard (rechts) und Ausbilder Ralf Gehrke (1. von links) sowie Personalchef Norbert Fielenbach (2. von links).

Gemeinsam lernen: Walterscheid bildet seit den Anfängen junge Menschen in verschiedenen Berufen aus, die Ausbildungsplätze sind begehrt.

Gemeinsam lernen: Walterscheid bildet seit den Anfängen junge Menschen in verschiedenen Berufen aus, die Ausbildungsplätze sind begehrt.

Wechselhafte Zeiten

Mehr Raum für Walterscheid: Bei der Agritechnica 2017 präsentiert Walterscheid gut sichtbar seine Produkte.

Anders als erwartet gehen Walterscheids Umsätze ab 2014 zurück. Das liegt zum einen an einem plötzlichen und für viele Experten überraschenden Abschwung in der Branche. Die Erzeugerpreise sinken und die Pachten steigen, sodass die Investitionsbereitschaft nachlässt. Die Landtechnikmärkte in Frankreich, Italien und Deutschland brechen ein, der Ukraine-Konflikt und die Sanktionen gegen Russland beeinträchtigen die wirtschaftliche Entwicklung in Osteuropa.

Walterscheid ist besorgt wegen sinkender Umsätze, aber vor allem wegen des Rückgangs von Marktanteilen. Dass man stärker verliert als der Markt insgesamt, ist für das Unternehmen eine bisher unbekannte Entwicklung. Die Ursachen sind vielfältig, doch insbesondere die global orientierte Vertriebsorganisation des Konzerns missfällt vielen Stammkunden. Hinzu kommen technische Probleme, die manche Kunden an der Qualität zweifeln lassen. Diese Probleme kann Walterscheid zwar schnell beheben, aber es gilt, Vertrauen zurückzugewinnen. Das ist schwer, da es eher wenige Innovationen gibt. GKN achtet bei Investitionen auf kurzfristigen Erfolg, sodass langfristiges Wachstum durch technisch hochwertige Produkte mit aufwändiger Entwicklung schwieriger wird.

Hinzu kommt, dass Walterscheid in der großen Land Systems-Division eine untergeordnete Rolle spielt und zum Beispiel auf der Agritechnica nur einen relativ bescheidenen Auftritt bekommt. Von den Kunden wird diese Entwicklung kritisch kommentiert. „Bei den Messen erfahren wir knallhart die Wahrheit“, berichten die Vertriebsleute. Selbst vermeintliche Kleinigkeiten werden bemerkt. Wenn statt des vertrauten Walterscheid-Gelbs nur noch das Corporate Design von GKN zu sehen ist, gewinnen manche Besucher den (falschen) Eindruck, Walterscheid sei auf der Messe nicht vertreten.

Zurück zu den Wurzeln

Die Situation bessert sich nach einer weiteren Umstrukturierung innerhalb des GKN-Konzerns. Zum Jahreswechsel 2016/2017 wird die GKN Off-Highway Powertrain gebildet, die aus den Landtechnikwerken in Deutschland, Italien, den USA, China und Brasilien sowie dem globalen Service-Netzwerk besteht. Die Leitung übernehmen Wolfgang Lemser als CEO und der Ingenieur Justus Volhard ab Mai 2017 als Geschäftsführer. Volhard hat zuvor ein Werk von GKN Sinter Metals geleitet und ist seit 2015 Werksleiter in Lohmar. Er kennt das Werk und dessen Stärke und geht die neue Aufgabe mit Zuversicht an.

Schnell gewinnt Walterscheid Vertrauen zurück, nicht zuletzt mit technischen Fachleuten in der Beratung. „Wir wollen unseren Kunden als Berater und Problemlöser zur Verfügung stehen“, betont Volhard. Das gilt bei den Erstausrüstern für die gesamte Laufzeit eines Projekts, aber auch für die mittleren und kleineren Kunden mit ihren speziellen Anliegen. Der nach Rösrath ausgelagerte Servicebereich kehrt nach Lohmar zurück, damit der Austausch zwischen den Problemen vor Ort und der Entwicklung und Produktion wieder enger wird.

Auf der Agritechnica 2017 zeigt sich das „neue, alte Walterscheid“ mit einem größeren Stand, der sich auf Walterscheid-Produkte konzentriert. Walterscheid präsentiert auch wieder technische Neuerungen, wie den hydrostatischen Antrieb ICVD370. Die mittlerweile in Sohland hergestellte hydraulische Antriebstechnik bietet eine enorme Leistungsfähigkeit und Robustheit.

Für besonderes Aufsehen sorgt 2017 der hydraulische Oberlenker mit integrierter Dämpfung, der eine spürbare Verbesserung für Landwirte bringt. Fahren sie mit schwerem Gerät, hebt häufig die Vorderachse ab und setzt mit heftigem Schlag in den Antriebsstrang wieder auf. Der hydraulische Oberlenker mildert das deutlich ab. Durch optimierten Bodenkontakt der Vorderachse ergeben sich deutlich bessere Fahrleistungen. Der Dämpfer isoliert Stoßbelastungen vom Traktor. Der Deutsche Landwirtschaftsverlag (DLV) zeichnet den neuen Oberlenker von Walterscheid als „Maschine des Jahres 2017″ aus.

Der hydraulische Oberlenker mit integrierter Dämpfung sorgt für Aufsehen in der Branche. Der DLV kürt Walterscheids Innovation zur „Maschine des Jahres 2017“.

Der hydraulische Oberlenker mit integrierter Dämpfung sorgt für Aufsehen in der Branche. Der DLV kürt Walterscheids Innovation zur „Maschine des Jahres 2017“.

Der hydraulische Oberlenker mit integrierter Dämpfung sorgt für Aufsehen in der Branche. Der DLV kürt Walterscheids Innovation zur „Maschine des Jahres 2017“.

Smart Farming – Landtechnik digital

Drohnen, die Daten erfassen, sind ein wichtiges Element der digitalen Landwirtschaft.

Die Digitalisierung verändert seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert alle Lebensbereiche inklusive der Landwirtschaft. Vom Melkroboter bis zu satellitengesteuerten Traktoren stehen viele technische Mittel zur Verfügung, die Viehwirtschaft und Ackerbau revolutionieren. Manche Entwicklung steckt noch in den Anfängen, in manchen Fällen werden Risiken wie die Datensicherheit zu prüfen sein. Zudem ist die Landwirtschaft darauf angewiesen, dass flächendeckend die Infrastruktur für mobile Telekommunikation ausgebaut wird, damit die Chancen der Digitalisierung ausgeschöpft werden können.

Zu den großen Errungenschaften in der Pflanzenproduktion gehören Traktoren mit GPS-Empfänger, die zentimetergenau zu steuern sind. In Verbindung mit geeigneten Anbaugeräten ist eine Bodenbearbeitung ohne Überlappung möglich. Im günstigsten Fall ergeben sich für den Landwirt vollständig aufeinander abgestimmte Prozesse ohne Rüstzeiten und ohne mehrfache Feldüberfahrten. Die Chance der Digitalisierung liegt in der Zusammenführung vielfältiger Daten. Auf dieser Basis lassen sich Arbeitsprozesse bei der Bodenbearbeitung und der Ernte steuern und effizienter gestalten.

Die Landtechnik-Hersteller sehen ein großes Potenzial in der Zukunftstechnologie. Walterscheid arbeitet an Konzepten, um mit digitaler Technologie Antriebssysteme und Kuppeltechnik zu optimieren. So können mechanische Antriebe künftig elektronisch geregelt werden und Teil kombinierter Systeme sein, bei denen auch die eingesetzte Pneumatik und Hydraulik anzupassen sind. Bei der Produktentwicklung werden Kooperationen eine größere Rolle spielen. In Gremien und Verbänden, wie der 2008 gegründeten Agricultural Industry Electronics Foundation (AEF), der Walterscheid angehört, erarbeiten führende Unternehmen der Landtechnik internationale elektronische Standards unter Beachtung der Gesetzgebung und Datensicherheit. Auf die komplexen Herausforderungen der Digitalisierung bereitet sich Walterscheid auch in der Produktentwicklung vor – sowohl das Ingenieursprofil als auch erweiterte Aufgaben im Servicebereich werden darauf ausgerichtet. Walterscheid ist gut aufgestellt, um die anstehenden großen Veränderungen in der Landtechnik mitzugestalten.

Ein neuer Aufbruch

Ein neues Werk in Südtirol: In Welsberg eröffnet Walterscheid 2019 eine moderne Produktion von Doppelgelenkwellen.

Die Innovationen und die verstärkte Kundenorientierung bringen den Umschwung. In den konjunkturell starken Jahren 2017 und 2018 erzielt Walterscheid überproportional gute Ergebnisse und gewinnt Marktanteile zurück. Allerdings ist nun unklar, wie es mit Walterscheid innerhalb des GKN-Konzerns weitergehen wird.

Im Frühjahr 2018 gelangt GKN im Zuge einer feindlichen Übernahme in den Besitz der Londoner Beteiligungsgesellschaft Melrose. Der GKN-Bereich Off-Highway Powertrain mit dem Schwerpunkt Land- und Baumaschinen ist prädestiniert, um getrennt von den anderen Sparten zum Verkauf angeboten zu werden, nicht zuletzt wegen seiner guten Ergebnisse.

Den Zuschlag unter den zahlreichen Interessenten an GKN Off-Highway Powertrain erhält für rund 200 Millionen Pfund (ca. 225 Millionen Euro) die Beteiligungsgesellschaft One Equity Partners (OEP), die bereits ein Jahr zuvor Interesse an Walterscheid gezeigt hatte. Als die Entscheidung im März 2019 fällt, sind die Walterscheider sehr zufrieden. Die Strategie des Investors passt zu Walterscheid: OEP lässt Freiraum für das operative Geschäft und fördert nachhaltiges Wachstum.

Die Gruppe erhält den Namen Walterscheid Powertrain Group und setzt damit auf den Wert der starken Marke aus Lohmar. Hierzu gehören neben dem Standort Lohmar das Getriebewerk in Sohland und die Standorte in den USA, in Brasilien und in China sowie das globale Service-Netzwerk mit 22 Standorten in 16 Ländern. Das italienische Werk zieht von Bruneck in das rund zwanzig Kilometer entfernte Welsberg um, wo 2019 eine hochmoderne Anlage zur Produktion von Doppelgelenkwellen in Betrieb geht. OEP setzt erstmalig auf die Landtechnik-Branche und möchte weiter in die Walterscheid Powertrain Group investieren.

Damit Walterscheid Lohmar weiter wächst, wird auch dort kräftig investiert: 2018 sind es über 3,7 Millionen Euro und 2019 fünf Millionen Euro. Ein Schwerpunkt liegt zum Beispiel auf der Modernisierung der Gabelbearbeitung, für die Pick-up-Maschinen und automatische Räummaschinen angeschafft werden.

Ein neues Werk in Südtirol: In Welsberg eröffnet Walterscheid 2019 eine moderne Produktion von Doppelgelenkwellen.

Gute Aussichten

Walterscheids dauerhaften Erfolg sollen Produkt-Innovationen sowie die globale Präsenz sichern. Wesentliche Komponenten des Antriebssystems sind überarbeitet worden, um die Anwendung weiter zu erleichtern. Mit der Kampagne „Ultra.Plus“ bringt Walterscheid gut zwanzig Jahre nach Power Drive eine vierte Generation der gelben Gelenkwelle auf den Markt. Dabei geht es insbesondere um eine gute Verbindung aus Schutz und Alltagstauglichkeit: Das profilierte ST-Schutzrohr beispielsweise verbindet beide Schutzhälften drehfest miteinander, sodass eine Haltekette entfällt. Der geräteseitige Schutztopf ist komplett aufklappbar. Diese bisher einzigartige Technik vereinfacht Anbau und Wartung. Endkunden sind darüber hinaus vor allem an längeren Wartungsintervallen interessiert. Bei den neuen Kreuzgelenken betragen sie bis zu 250 Stunden, zudem verdoppelt sich die Lebensdauer der Welle. Das in Lohmar und Welsberg entwickelte 50-Grad-Weitwinkelgelenk ist als Kapsellösung sogar komplett wartungsfrei einsetzbar. Bei den neuen Überlastkupplungen K90/TF und K90/4TF kann auch der örtliche Landmaschinenhandel Wartung und Einstellung übernehmen. Das Weitwinkel-Gelenk P675 reagiert auf die zunehmende Herausforderung, in begrenztem Bauraum eine immer höhere Leistung zu übertragen.

Bei Innovationen wie dem mittlerweile mehrfach (unter anderem mit dem eima Innovations-Award) ausgezeichneten hydraulischen Oberlenker mit integrierter Dämpfung gilt es, Erstausrüster zu überzeugen. Wie einst bei WKS zögern sie auch heute wegen der höheren Kosten. Walterscheid versucht daher erneut, den Anwendern direkt den praktischen Mehrwert vorzuführen. Nähe zum Kunden und Innovationen mit hohem praktischem Mehrwert sind nach wie vor entscheidend.

Walterscheids Erfolg beruht auch für die Zukunft auf wenigen wichtigen Faktoren: technische Marktführerschaft, Innovationsfreude und Kundenorientierung, wobei hier stets OEM und Endkunden im Blick sind. Kann das Unternehmen diese Stärken erhalten, hat es gute Chancen auf einem Markt, der weiter wachsen dürfte.

Es bleibt eine große Herausforderung, die weiterhin wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Acker- und Weideflächen sind begrenzt, der Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen wächst und Auswirkungen des Klimawandels machen der Landwirtschaft zu schaffen. An effizienter Bodennutzung führt also kein Weg vorbei, die Nachfrage nach innovativer Landtechnik wird steigen.

Für Walterscheid zeichnen sich im Jubiläumsjahr 2019 gute Perspektiven ab – für ein neues vielversprechendes Kapitel nach starken ersten 100 Jahren.

Ultra Plus – mit der vierten Generation der gelben Gelenk- welle blickt Walterscheid im Jubiläumsjahr 2019 optimistisch in die Zukunft.

Ultra.Plus – mit der vierten Generation der gelben Gelenkwelle blickt Walterscheid im Jubiläumsjahr 2019 optimistisch in die Zukunft.